100 Jahre, das ist schon eine lange Zeit! Christoph Motog, Redakteur bei der Tageszeitung Patriot und Macher des Magazins Blicker hat sich lange mit der Chronik der Herbstwoche beschäftigt und uns seine Kurzfassungstexte für unsere Chronik zur Verfügung gestellt. Danke dafür, Christoph!
Die Volksfest-Premiere wird auch „Werbe-Woche“ genannt. Das Vergnügen in der 19.000-Einwohner-Stadt läuft von Donnerstag bis Mittwoch. An allen sieben Tagen starten schon um 11 Uhr „Sondervorführungen im Lichtspielhaus“; gezeigt werden „Tischlein deck dich!“ und die „Reise zu den Goldsuchern in Californien“. Richtig los geht es am Eröffnungstag aber erst um 18.30 Uhr mit dem „Beginn der Lichtwerbung“. Heißt: festlich beleuchtete Schaufenster und ansprechende Straßenillumination. Die Eröffnungsfeier mit dem Männerchor Sängertreu steigt ab 20 Uhr im Alsensaal. Spätheimkehrern bieten sich nicht nur Züge und Omnibusse. Ab 21.30 Uhr stehen vom Marktplatz aus auch Pferdefuhrwerke bereit („von hiesigen Hauderern zur Verfügung“); aber bitte mit Anmeldung „in der Polizeiwache im Rathause“.


Der Vergnügungspark auf dem Kuhmarkt hat in diesem Jahr ein Wein- und Bierzelt, drei Karussells, eine Schiffschaukel, ein Teufelsrad, ein Kasperletheater, eine Schießhalle, eine Verlosungshalle, einen Kunsttempel, eine Wein- und Likörbude sowie mehrere Verkaufsstände aller Art. Ein weiterer Anziehungspunkt ist die Kolonial- und Sportausstellung in der Wilhelmschule. Dort werden auch Jagdtrophäen des Lippstädter Großwildjägers Wilhelm Mattenklodt ausgestellt: Als Attraktion gilt ein „Menschenfresser-Löwe, dem zuvor viele Eingeborene um Opfer gefallen sind, bevor der tapfere Mattenklodt seinem Treiben ein Ende setzte“. Nach dem Reklamekorso am Sonntagnachmittag genehmigen sich viele Herbstwochenbesucher ein Gläschen: „In allen Gastlokalen herrschte bis in die Nachtstunden lebhaftes Treiben, zuvor war vor allem am Kuhmarkt was los.“ Neu ist die Beleuchtung der Jakobikirche durch zehn Scheinwerfer der Vereinigten Elektrizitätswerke.
Erstmals werden Cappelstraße, die Brücke am Cappeltor und Südertor „in den Sichtbereich der Herbstwoche einbezogen“, schließlich verkörpere die Herbstwoche doch vor allem den Gedanken „Nord oder Süd, Ost oder West – Heimat ist’s best“. Nach dem verkaufsoffenen Sonntag zieht die Heimatzeitung ein befriedigendes Fazit: „Alles in allem kann gesagt werden, dass der gestrige Haupttag, an dem die Geschäfte geöffnet waren, auch in geschäftlicher Hinsicht befriedigend verlaufen ist, wenn auch nicht alle auf ihn gesetzten Erwartungen erfüllt werden konnten.“
„Die Lippstädter Herbstwoche ist gestern Abend 6 Uhr eröffnet worden!“, schreibt die Zeitung nach dem Festauftakt. „Eine nach vielen Tausenden zählende Menge flutete durch die feenhaft beleuchteten Straßen und bestaunte die auf das Geschmackvollste hergerichteten Schaufensterauslagen. Überall eine Flut von Licht, die dem Straßenbild ein ungewohntes großstädtisches Gepräge gibt. Fahnen, Girlanden und Transparente in allen Straßen!“ Am offenen Sonntag erregt „die Vorführung eines Staubsaugers in einem Geschäft an der Poststraße das Interesse von Hausfrauen, die noch nicht im Besitze eines solch praktischen Apparates sind“. In der Lange Straße bestaunt eine große Menschenmenge die Modenschau in einem Geschäft. Der Aufstieg eines bemannten Freiballons gestaltet sich zu einem Spektakel. Die Erwitte Straße, das Gelände des städtischen Gaswerks und die ganze Umgebung desselben ist angefüllt von Zuschauern. Trotz der Absperrungsmaßnahmen gelingt es einem großen Teil des Publikums, auf den neben dem Verwaltungsgebäude liegenden Startplatz zu gelangen, ohne Eintritt zu bezahlen.
Unter diesem Motto geht es von Donnerstag bis Dienstag und damit etwas kürzer als in den Vorjahren zur Sache. Der „Kinderkorso“ der Vier- bis Achtjährigen, bei dem „Reklamemittel“ ausdrücklich verboten sind, startet an der Nikolaischule in der Kolpingstraße und endet an der Judenstraße (heute Rathausstraße). Am Sonntag füllt sich die Innenstadt bereits am Vormittag. Auf dem Marktplatz gibt’s gefällige Chor- und Instrumentalmusik. „Auch das Werbeflugzeug, das hoch oben seine Kreise zog, wurde gebührend bewundert.“ Der Kuhmarkt ist tagsüber das Paradies für Kinder. Als abends die aufflammenden Lichter die Buden in lockenden Glanz tauchen, laufen auch die Erwachsenen ein. Auf Teufelsrad und der Autobahn (wo mancher seine Fahrkünste mit mehr Überzeugung als Geschicklichkeit demonstrierte), gibt es manch ulkige Szene.
Zu den Kuhmarkt-Attraktionen gehören: Todesbahn, Mechanisches Bergwerk, Original-Raupenbahn („Gebirgsbahn – im rasenden Tempo über Höhen und Tiefen“), Weltstädtischer Vergnügungspalast („mit der Rutschbahn und den rollenden Tonnen“), Alpenhaus und eine große Verlosungshalle („jede Nummer gewinnt“). Als Konkurrenz lockt „Der große Lunapark“ an der Geiststraße/Ecke Ostwall. Unter der Devise „Lichtmeer“ gibt’s hier eine „Schnell-Achterbahn mit den Niagara-Fällen, 20 Meter hoch“, „die größte Todes-Wand (steile Wand) mit dem berühmtesten Fahrer (Cater Piller)“, „die größte u. schnellste Raupenbahn“ und „die größte Sicherheits-Schiff-Schaukel (16 Schiffe)“. Auch Gaffern wird etwas geboten, darunter „die dickste Dame der jetzigen Zeit“ und „die zwei zusammen gewachsenen Menschen“. Überschattet wird die Herbstwoche von einem tödlichen Kirmesunfall an der Geiststraße: Ein 22-jähriger aus Langenberg stürzt aus einem Schiff der Schiffschaukel und erleidet einen Schädelbruch. Da der Sturz aus geringer Höhe erfolgte, vermutet man, dass der Verunglückte infolge einer Ohnmacht abgestürzt ist.
Mit zwei Slogans wird für die letzte Herbstwoche vor Beginn der NS-Diktatur geworben. Eine „hochmoderne Flurgarderobe“ ist der erste Preis beim großen Preisausschreiben der Kaufmannschaft. In 57 Geschäften sind Fotografien von Lippstadt und Umgebung ausgestellt, von denen zehn falsch bezeichnet sind. Der Kirmesrummel beschränkt sich diesmal wieder auf den Kuhmarkt. Groß und Klein freuen sich zudem auf die Lampionfahrt auf dem Lippekanal mit Lichterreigen, das Kasperletheater im evangelischen Gemeindehaus oder die Großübung der Feuerwehr auf dem damaligen Marktplatz. Am verkaufsoffenen Sonntag gibt es den erhofften Ansturm: Rund 10.000 Menschen tummeln sich auf den Straßen. Beim Großviehmarkt am Dienstag winken Prämierungen.
Los geht es Freitag um 15 Uhr mit einer Feierstunde: Der Wilhelm-Mattenklodt-Steg wird eingeweiht. Die Machtübernahme Hitlers spiegelt sich auch in einigen Programmpunkten wider, so finden im Rahmen des Volksfestes die Kreistreffen der Hitlerjugend und des Jungvolks statt. Bei einer Kunstausstellung im Rokokosaal des Hauses Köppelmann wird ein großes Hitlergemälde des Münchner Malers Anton Kürmaier gezeigt. Der Kuhmarkt bietet Ablenkung mit Geisterbahn, Luftschaukeln, Elektro-Selbstfahrer und einer Raubtierschau. Im Drei-Kronen-Saal steht täglich ein Mittelalter-Spektakel auf dem Programm.
Das plattdeutsche Gedicht stammt von einem Autor mit dem Pseudonym Teudor van d’r Haar. In Bonsels Hotel am Markt werden erneut Lippstädter Histörchen aufgeführt; diesmal hat sich der Quartettverein Rheingold die Biedermeierzeit vorgenommen. Im Turnsaal des Marien-Lyzeums wird die Ausstellung „Die deutsche Hausfrau am deutschen Herd“ gezeigt. Der bunte Abend im Alsensaal steht unter dem nationalsozialistischen Propaganda-Motto „Kraft durch Freude“.
Schon Tage vor dem Auftakt herrscht geschäftiges Treiben. Die Eröffnung findet im Rathaus unter einem Hakenkreuzbanner statt. Als Höhepunkt bewegt sich der Kinderkorso durch die Straßen. Viel Applaus erhält der Wagen mit den sieben Geißlein und dem bösen Wolf. Zum Abschluss bringt der Handelsamtsdirektor „auf den Führer und Reichskanzler ein dreifaches Sieg-Heil“ aus.
Erstmals verwandelt sich auch der Marktplatz (heute Rathausplatz) in einen Lunapark. Samstagabend findet das vom WSC präsentierte „Kanal in Flammen“ statt. Die Lampionfahrt setzt das Motto „Die Stadt im Zauberglanz des Lichtes“ um. Der verkaufsoffene Sonntag gilt als „Tag der Lippstädter Wirtschaft“. Abgeschlossen wird der Tag mit einem regimetreuen „rassenpolitischen Vortrag“ im Alsensaal.
Auf dem Programmheft prangen die Worte „Schaffendes Lippstadt“. Der Volksfest-Sonntag wird zum „Tag Kraft durch Freude“, der Samstag ist den Bauern gewidmet.
Zum Rahmenprogramm gehören eine Kleintierzuchtschau, eine Obst- und Gemüsebau-Ausstellung, eine Flugmodellschau und turnerische Darbietungen.
Reichsbahn, WLE und Kraftomnibusse bieten Sonderfahrten und vergünstigte Rückfahrkarten an.

Eine Messe unter dem Titel „Hilf mit beim Vierjahresplan“ steht im Mittelpunkt des letzten Festes vor dem Krieg. Höhepunkt des Herbstwochensonntags ist ein Festzug unter dem Motto „2000 Jahre deutsche Reiterei“. Der Quartettverein Rheingold zeigt wie jedes Jahr eine historische Revue, diesmal zum Thema „Lippstadt nach dem Aufstand der Zünfte um 1600“.
Im Spätsommer 1939 sind die Vorbereitungen für die nächste Herbstwoche bereits weit fortgeschritten. Geplant ist unter anderem eine „Schau durch den heimischen Leistungssport“. Doch sechs Tage nach einem entsprechenden Zeitungsartikel beginnt mit dem deutschen Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg. Am 21. Oktober teilt das Handelsamt mit, dass die 14. Lippstädter Herbstwoche „auf unbestimmte Zeit verlegt wird“.
Erst sieben Jahre später kehrt die Herbstwoche zurück.
Zum Neustart appelliert Landrat Laumanns an den „unerschrockenen Geiste der Bewohner: In einer schweren Not- und Krisenzeit mit frischem Wagemut etwas unternehmen.“ Die Herbstwoche geht von Sonntag bis Sonntag, die Kirmes ist auf dem Geistplatz. Von einem Karussell werden während der Fahrt mehrere Insassen zu Boden geschleudert. Drei von ihnen werden wegen Armbrüchen und anderen Verletzungen ins katholische Krankenhaus eingeliefert. An allen Tagen spielt in der Stadtschänke die Jazz-Band Kurt Hingst. Rolf Trexler („Erzgebirgische Puppenspiele“) lädt zur Vorstellung seines Stücks Das goldene Herz. Am Tag der Jugend steht im Kolpingsaal eine von Kreisjugendpfleger Goeke geleitete Kundgebung an. „In munterer Gemeinschaft lernte der ganze Saal binnen weniger Minuten einen Kanon“, berichtet der Patriot. Vorm Rathaus werden Geräte zur Schädlingsbekämpfung ausgestellt, in der Landwirtschaftsschule läuft die Ausstellung „Bäuerlicher Hausfleiß“. Die Programmbroschüre weist auf Ausspannmöglichkeiten für Pferde bei diversen Gasthöfen hin.

Los geht es Sonntagmorgen mit einem Staffellauf „Rund um Lippstadt“. Ab 12.30 Uhr gehören die Hauptstraßen Radrennfahrern „aus allen Teilen Westdeutschlands“.
Die offizielle Eröffnung im Rathaussaal findet in Anwesenheit der Vertreter der britischen Militärregierung, Oberst Clark und Kreiskommandant Major Bidell, statt.
Der Lippstädter Kaufmannschaft geht es augenscheinlich gut, erstmals nach Kriegsende wird in der Heimatzeitung wieder viel Werbung zur Herbstwoche geschaltet. August Schneider präsentiert seinen neuen Autoscooter: Die mit Stahlbandagen (Anmerkung: heute sind es Vollluftbandagen) gepanzerten Wagen werden von einem kleinen Motor angetrieben.
Der Tag der Jugend am Dienstag lockt mit Volkstänzen und einem Gesangswettstreit. Am Schlusstag lockt der Werbeumzug viele Schaulustige an: „Ein langer Zug schöner Pferde mit anmutigen Reiterinnen und straffen Reitern, teilweise in bunten Jagdgewändern, bewegte sich im Schritt durch die Straßen. Schade, dass Trab und Galopp der Kavalkade außerhalb der Stadt nicht auch noch gesehen werden konnten!“


Besonders gespannt sind die Herbstwochenbesucher wie immer auf die Enthüllung der Schaufenster, die um Punkt 18 Uhr erfolgt. Der erste Sonntag wird diesmal zum „Tag der Ostvertriebenen“ erklärt, mit einer Großkundgebung auf dem Platz der Wilhelmschule.
Das Leitwort lautet „Deutsche, denkt an den deutschen Osten“. Tags darauf ist einmal mehr „blauer Montag des Handwerks“. Auf den Rummelplätzen trumpfen das Kettenkarussell und die „große Figur Achterbahn mit den tiefen Tälern“. Ähnlich angesagt sind der Billige Jakob und Meyers Wander-Zoo. Am Ende steht ein durchwachsenes Fazit: „Schinkenbrötchen waren trotz der hungrigen Magen nicht sehr gefragt. Alles in allem sah man mehr ,Sehleute‘ als ,Kaufleute‘. Auch die prachtvoll dekorierten Schaufenster konnten daran nichts ändern, denn die D-Mark ist, wie es schien, knapp in der Herbstwoche.“
Rund 7000 Schaulustige kommen zum Kanal in Flammen: Es „ergoss sich ein elektrischer
Wasserfall in die Fluten, zusammen mit einer bezaubernd schönen bengalischen Beleuchtung … Erst flammte Lampionfahrt auf dem Kanal die Illumination an der Cappeltorbrücke auf, wenige Minuten später die am Lippertor, als sich zwischen beiden Brücken der festliche Zug der Boote auf dem Kanal bewegte. Die lange Kette war von etwa 35 bis 40 Booten des WSC Lippstadt gebildet worden, jedes von ihnen trug acht bis zehn bunte Lampions, deren warmes Licht die Fluten in wogenden Reflexen widerspiegelten.“
Auf der Kirmes ist der „Selbstfahrer von Jung und Alt sehr begehrt, denn in Ermangelung eines eigenen Wagens genoss man hier die Illusion des Selbst-Autofahrens“.


In seinem Grußwort unterstreicht Landrat Fritz Pehle die Verbundenheit zwischen Lippstadt und seiner Umgebung. Bei einer Modenschau im Kolpinghaus zeigt das Schuhhaus
Panknin den größten Stiefel der Welt: viereinhalb Meter lang. Aufs Eintracht-Gelände an der Klusestraße lockt die „Großschau der blühenden Blumen“. Die von 80 Schaustellern bestrittene Kirmes spielt sich auf drei Plätzen ab. Auf dem
Geistplatz gastiert ein Flohzirkus, der direkt von der Münchner Oktoberwiese angereist ist. Floh-Dresseur Mathes „hat die Kunst der Floh-Erziehung schon von seinen Urahnen übernommen“, heißt es im „Patriot“: „Seit 150 Jahren nämlich werden in der Familie außer den Kindern auch Flöhe aufgezogen. Heute gibt es in Deutschland nur noch diesen einen Flohzirkus mit seinen insgesamt 300 Flöhen, der auf dem Markt in Lippstadt aufgebaut ist. Ein Unternehmer auf Gegenseitigkeit. Der Dresseur ernährt seine Flöhe, und die Flöhe ernähren ihn.“
Zum Einläuten der tollen Tage startet Samstagmorgen um Acht die Auto-Werbekolonne mit 60 geschmückten Wagen. Der Weg führt unter anderem nach Langenberg, Altengeseke, Westenholz und Mönninghausen. Erst gegen 18 Uhr taucht die Kolonne wieder auf der Lange Straße auf. Bei einem Fecht-Turnier wird „Um den Lippeschild“ gekämpft. Die Ausstellung „Sport und Wirtschaft“ spielt sich auf dem Eintracht-Gelände ab. Im Kolpingsaal wird beim rheinischen Winzerfest eine Winzerkönigin gekürt. Ums „Einmaleins wirksamer Verkaufsbeleuchtung für den fortschrittlichen Einzelhandel“ geht es bei einem Vortrag im Westfälischen Hof.


Im Herbstwochen-Programmheft wird die Tradition gerühmt, „alljährlich beim Fallen des Laubes die Schritte nach Lippstadt zu lenken, um hier sich geziemendem Frohsinn hinzugeben“. Schaufenster und Plätze werden märchenartig dekoriert und geschmückt. Wenige Tage vor Beginn des Fests lässt Verkehrsamtsleiter Hans Bünker alle Katzen aus dem Sack: Man werde eine „sprechende Kuh interviewen können, auf dem Markt werden Flöhe tanzen, bei den Einkäufen wird die Kundschaft von Mädchen in malerischen Märchenkostümen bedient werden“. Dazu werden „Stierkämpfe stattfinden, in der Poststraße wird man auch ohne Führerschein mit einem Benzinauto fahren, und am Nordbahnhof wird man nach Herzenslust Lokomotivführer spielen können“. Weitere Attraktionen sind die „Steile Wand“, eine Schlickerbahn, das Riesen-Praterrad und eine Texas-Buffalo-Bill-Schau. Wer lieber Haut sieht, kann ins Nordsternkino. Dort läuft „Die badende Venus“.
Die „weltberühmten musikalischen Wasserspiele“ sind die Attraktion der großen Wirtschafts- und Landwirtschafts-Schau auf dem Jahnplatz. Schon am ersten Fest-Wochenende werden hier 23.500 Besucher gezählt. Auch die Innenstadt ist rappelvoll: „Zeitweise war auf den Bürgersteigen kein Durchkommen. … An den Omnibussen und Zügen stand man Schlange. … Die Lokale waren überfüllt.“ 350 bunte Ballons werden am Jahnplatz mit Gas gefüllt und von Kindern auf die Luftreise geschickt, Gastwirt und Händler Kusmann hat das Kommando. Jeder Teilnehmer hofft darauf, dass sein Ballon am weitesten fliegt. Beim Varieté im Kolpingsaal zeigt „Der Mann mit den 12 Stühlen“, was er draufhat. Donnerstag ist Landvolk-Tag, der abends mit einem „gemütlichem Beisammensein in allen Gaststätten“ ausklingt.


61 Schausteller geben sich die Ehre. Auf dem Kuhmarkt lockt das „Lustige Teufelsrad“: Es handelt sich um eine große Scheibe, die sich immer schneller dreht. An den Schießbuden können bunte Papierblumen, Teddybären oder auch Schnapsflaschen heruntergeholt werden. Wer nicht schießen will, kann sein Glück an einer Los- oder Würfelbude versuchen. Auffallend viele Schaubuden befinden sich auf dem Rummel, darunter eine „Artistenschau“ aus Köln und eine „Olympia-Sport-Schau“. Es ist die erste Herbstwoche seit den 1930er Jahren, die ohne Getränkesteuer gefeiert wird. Bier und Korn fließen in Strömen. Wer diese verschmäht, kann sich auch an einem Weinbrunnen laben. Es kommt nicht selten vor, dass Fahruntüchtige kein Taxi, sondern die Polizei rufen. „Meist kommt dann ein Beamter, der den Betreffenden nach Hause bringt (und dem gegenüber man sich erkenntlich zeigen kann, ohne dass es sich gleich um eine Bestechung im strafrechtlichen Sinn zu handeln braucht).“
Der Park an der Poststraße verwandelt sich in einen Märchenpark, in dem Hänsel und Gretel auf Rotkäppchen und Hans im Glück treffen; auch das Schlaraffenland findet Platz. Auf dem Wilhelmschulplatz zeigen 22 Kleinwüchsige ihre artistischen Fähigkeiten. Das Quartier der „Liliputaner“ (eine heute verpönte Bezeichnung) befindet sich neben dem Zirkuszelt. Es wird als „Stadt der kleinen Leute“ beworben und kann besichtigt werden. „Da sind die Pferdchen auf der Reitbahn zu sehen, da ist das Postamt, wo man sogar einen Stempel auf die abzuschickende Karte erhält. … und in den Wohnwagen kann man sich über die winzigen Maße wundern …“. Der Physiker Auguste Piccard kommt zum Deutschen Freiballontag, um am Jahnplatz vierzehn Ballons aufsteigen zu sehen. Bei winterlicher Kälte verlässt der berühmte Schweizer den Platz erst, nachdem der letzte Ballon am Horizont verschwunden ist. „Wen es einmal gepackt hat, lässt es nie wieder los.“


Das Fest beginnt mit einer Wettfahrt „Münster gegen Lippstadt“ der Freiballone „Kornbrannt“ und „Gebrasa“. Star der Ausstellung „Aus dem Wunderland des Kindes“ an der Poststraße ist Mekko: Der ferngesteuerte Maschinenmensch habe schon 21 Länder bereist, sagt sein Schöpfer und Begleiter, der Zürcher Ingenieur Eugen Wendling. Zu den Höhepunkten gehört der von der Tiergartengesellschaft ausgerichtete Umzug am Freitag. Das Motto lautet „Bauernland – Stadtkinds Wunderland“. Als Attraktion erweist sich das Windhundrennen, das am Schlusstag auf dem Jahnplatz ausgerichtet wird „Tausende waren auf den Beinen, um Whippets, russische Barsois, Greyhounds und Afghanen im Rennen zu erleben.“
Höhepunkt der neun tollen Tage ist der Umzug am Freitag: „Etwa vierzig Fahrzeuge, teils in prächtigem und geschmackvollem Blumenschmuck (leider auch einige Außenseiter, die lediglich Reklame ,machten‘) fuhren – von der Polizei angeführt – im Schritt-Tempo durch ein dichtes Zuschauerspalier. Neben dem städtischen Fuhrpark, den Stadtwerken, dem Tiergarten und bekannten Autofirmen war auch die Bundeswehr mit zwei getarnten Armeelastern in dem Auto-Korso vertreten. Einen besonderen Erfolg konnte die junge Generation für sich buchen. Junge Männer, in feierlichem Großväter-Schwarz, fuhren uralte Vehikel spazieren und hatten die Lacher auf ihrer Seite …“ Am Jahnplatz lockt eine ans Festmotto angelehnte Messe. Hier steht auch ein Bayernzelt, in dem der Lippstädter Zauberer Jo Burghardt auftritt.


Erstmals wird beim Traditionsfest über den westfälischen Tellerrand geschaut, von der Lippe an die Spree. „Ich möchte es als einen Beweis für die Aufgeschlossenheit der Stadtväter Lippstadts werten“, erklärt Schirmherr Ernst Lemmer. Am ersten Sonntag wird die neue Umgehungsstraße Lippstadt-Ost (B55) feierlich in Berliner Straße umbenannt, dazu wird der Meilenstein mit der Aufschrift „Berlin 420 km“ enthüllt. Offiziell für den Verkehr freigegeben wird die Umgehungsstraße allerdings erst ein Jahr später. Auch die Geschäftsleute nehmen das Motto an. Der Berliner Bär taucht in fast jedem Schaufenster auf: „Aus Schokolade, Holz, Pappe, Papier, Marzipan, aus Stoff geschnitten, Wolle gewebt, aus Plüsch und Fell mit viel Liebe gebastelt – so sieht man ihn überall im Blickfang der Dekoration.“ Ein Sonderstempel der Post verleiht der Herbstwoche zudem das Attribut „Mit Berliner Luft“.
100.000 Besucher werden diesmal erwartet. Der Festzug am Freitag huldigt der Lippstädter Geschichte: Neben Persönlichkeiten wie Graf Bernhard, dem Tollen Christian und dem Alten Fritz sind Freiheitskämpfer, Jäger, Infanteristen, Kürassiere, Ulanen, Husaren und viele andere unterwegs. Nicht alles klappt: Die Lampionfahrt des WSC am Dienstag soll mit einem „Fest der 10 000 Lichter“ im Grünen Winkel bereichert werden. „In Form einer Lippischen Rose und einer Zeile ,Lippstadt einst und jetzt‘ sollten die Lichter in den Anlagen glühen. Ein Teil der Kerzen brannte auch, denn man hatte bereits am Nachmittag mit dem Anzünden begonnen. Der Regen machte dann alles zunichte, was vorher in mühevoller Arbeit aufgestellt worden war.“ Zum Rummel locken Auto-Steilwand, Düsenjäger, Raupenbahn, Explorer-Karussell, Cortina-Bob und das Lachkabinett „Filzauber“.


Es geht alles etwas schneller als noch vor ein paar Jahren. Statt um 18 Uhr werden die Schaufenster mittlerweile schon um 14 Uhr enthüllt; die Lichterwerbung beginnt bereits um 16 Uhr. Das Rahmenprogramm bietet unter anderem Kegler-Stadtmeisterschaften, ein Wiedersehen ehemaliger Ostendörfler, Freiballonstarts, einen „Nachmittag der alten Leute der Stadt“, das Winzerfest, den freitäglichen Umzug und das samstägliche Platzkonzert an der Poststraße. Der Ballonwettflug für Kinder findet mittlerweile an der Poststraße statt. Der „Herbstwochensound“ jener Jahre ist ein Verschmelzen von Drehorgelklängen und Hits aus den Lautsprechern.
Ein einseh- und bekriechbarer Riesenstier (vier Meter hoch und sechs Meter lang) ist Teil der Lippstädter Wirtschafts-Schau am Jahnplatz. Angeschlossen ist der Messe ein „Kinderladenparadies“; dort kann Kaufmann und Kunde gespielt werden. Im Kinderpostamt können Geschäfte auch telefonisch erledigt werden. Das Amateur-Länderpokalspiel Berlin gegen Westfalen am Waldschlösschen wird als „Fußball-Ereignis des Jahres“ beworben. Vor über 3000 Zuschauern lassen die Einheimischen den Berlinern keine Chance und fertigen sie mit 7:1 ab. Die Kinos klotzen und zeigen Kassenschlager wie „Lolita“ (Apollo), „Tarzan und das Leopardenweib“ (Süd-Theater) oder „Edgar Wallace: Das Gasthaus an der Themse“ (Gloria). Auch Kulturbeflissene werden versorgt – mit der Verfilmung von Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ (Capitol). Die Schausteller versprechen „Frohes Kirmestreiben für jung und alt“. Letzter Schrei ist der Titan (auch „Schiefer Turm“ oder „Fliegerkarussell“ genannt): mit Gondeln, die wie kleine Düsenjets daherkommen.


Auf der Kirmes „quirlte fröhliches, lärmendes Getriebe“. Erst als die Turmuhr die 23. Stunde anzeigte, verlöschten auf dem Rummelplatz die bunten Lichter. Das „Herbstwochenwunschwetter“ sorgt am Schlusstag – wie schon sonntags zuvor – für rekordverdächtigen Besuch. Die Lange Straße wurde zwischen Bernhard- und Kuhmarkt von 14 bis 20 Uhr für den Autoverkehr gesperrt, so dass die fast 40.000 Besucher ungehindert durch die Stadt wandern konnten. Sogar die Erwitter Kreuzung bekommt den Andrang zu spüren: „Polizeimeister Feiler in seinem Glaskasten hatte alle Hände voll zu tun. Er musste die Signalanlage von Hand steuern, um dem Betrieb gerecht zu werden.“ Es „brodelte auch an den vielen Würstchenständen vom Markt bis zum Kuhmarkt. ,Wieviele Würstchen haben Sie heute schon gebraten?‘ fragt der Patriot-Reporter einen weißbeschürzten Brater. Der Mann zwinkert mit den Augen. ‚Ich werde mich hüten, das
Das Cello und ein aufgeschlagenes Buch versinnbilden die Kultur auf dem von Willi Felderbauer entworfenen Herbstwochen-Plakat. Das erste Volksfest-Wochenende verläuft prächtig, doch Verkehrsdirektor Hans Bünker hat schon die Folgetage im Auge. Am Sonntag ruft er die Wetterwarte in Essen-Mülheim an. Die Auskunft bezüglich der Aussichten befriedigt ihn: „Ruhiges Herbstwetter ohne nennenswerte Niederschläge.“ Dank kräftiger Beihilfe des Kultusministeriums kommt das „berühmte Orchester Kurt Edelhagen“ aus Köln: für einen „vor allem der Jugend zugedachten Konzertabend“ im Kolpingsaal. Der WDR überträgt das Ereignis. „Durch die Toskana, über die nördliche Umflut und durch den Grünen Winkel führt am gleichen Abend die beliebte Lampionfahrt des Wasser- und Wintersportclubs, während das immer attraktive Brillant-Feuerwerk im Grünen Winkel abgebrannt wird.“

Das Festplakat zeigt ein Mädchen, das über einem Zahnrad seilchenspringt. Die Brauerei Weissenburg bietet ein „Exquisit“-Bier an – „unter Verwendung in der Brauerei hergeführter Reinzuchthefen“. In den Churchill Barracks steigt Freitag eine Cocktailparty, „Teilnahme nur mit besonderer Einladung“. Vor dem Geschäft Lenze in der Poststraße (heute Café Central) gibt’s allfrühabendlich – aus einem hohen Bühnenhäuschen – Puppentheater mit Kasperle und den Lenzemännchen. Das Gloria-Kino zeigt „Mädchen hinter Gittern“, das Landestheater spielt im Kolpingsaal den „Zigeunerbaron“. Nach dem Festzug am Freitag schwelgt die Heimatzeitung in Superlativen: „So viele Schaulustige wie in diesem Jahr hat der Herbstwochenumzug noch nie erlebt.“ Die Kirmes steigt „auf dem neuen und alten Marktplatz“ sowie dem Kuhmarkt: mit Riesenrad, Auto-Skooter, Raupenbahn, Air-Lift, Fliegerkarussell und Allround. Für Stauner und Gaffer stehen eine Broadway-Show, eine Non-Stop-Show und die Boxbude bereit.
Dass sich die erste Herbstwoche zum 40. Mal jährt, ist Grund zum Feiern – zum Beispiel mit Beethovens Neunter im ausverkauften Kolpinghaus. Für auserwählte Lippstädter geht es bereits Freitag in die Vollen: „Die 40 Salutschüsse aus den Kanonen des 42. Royal Artillery-Regimentes wurden gestern Vormittag zur Eröffnung der Herbstwoche im Turmzimmer der Brauerei Weisenburg übertönt vom Zischen des 35-Liter-Doppelbock-Bierfasses, in das Bürgermeister Koenen mit kräftigen Schlägen den hölzernen Zapfhahn einpasste. Millionen Rundfunkhörer an den Lautsprechern wurden während der Sendung Westfalen-Echo Zeuge dieses schon traditionellen Ereignisses.“ Sonntag gegen 14 Uhr beginnt der Sturm auf Lippstadt. Herbstwochenexperten sprechen hinterher von bis zu 50.000 Besuchern; knapp die Hälfte davon besichtigt auch die Messe „Westfälischer Fleiß“ am Jahnplatz. Rummel total, aber die Schupos staunen: „Das hat es noch nie gegeben, solange in Lippstadt Herbstwoche gefeiert wird.“

Erstmals spielt sich der große Menschenauflauf auch in einer Fußgängerzone ab; die Lange Straße ist autofrei. Den Besuchern fällt noch eine zweite Zäsur auf: Der historische Bahnhof, der jährlich Zehntausende zum Volksfest hat anreisen sehen, steht nicht mehr. Um den sonntäglichen Andrang bewältigen zu können, appelliert der Verkehrsverein, die Parkplätze den Auswärtigen zu überlassen. Indes ist nicht nur in der City was los. Der Tag der Offenen Tür in der Lipperlandkaserne beginnt mittags mit der „Ausgabe eines Feldküchengerichtes“ und klingt erst gegen Mitternacht beim Tanz in der Sporthalle aus. „Die renommierte ,Constanze-Modenschau‘ gastiert im Kolpinghaus mit langanhaltenden Beifallsovationen für alle weiblichen und männlichen Mannequins dieser 22. Constanze-Modenschau.“ Nach dem Abriss der Villa Sterneborg (Bongard) gibt es am Lippertor eine zusätzliche Kirmesfläche: den „Neuen Postplatz“. Zur Einweihung kommt die Hypodrom-Reitbahn: „Wer Jumbo den Elefanten reiten kann“, bekommt 100 Mark in die Hand.
Die Herbstwoche hat erstmals ein europäisches Gastland: Frankreich. Der französische Botschafter äußert sich in seiner Herbstwochen-Eröffnungsrede zuversichtlich: „Diese Woche wird ein großer deutsch-französischer Erfolg sein!“ Monsieur Seydoux führt in LP auch Kulinarisches im Schilde: „Isch möschte hier Schinken essen“, verrät der Diplomat im WDR-Interview. Am ersten Sonntag, einem „herbstgoldenen Tag“, ist das Gedränge in der Fußgängerzone „schier beängstigend“, schreibt die Zeitung. Die WEKA bietet ab 14 Uhr Freibier, solange der Vorrat reicht. „Bei der Firma Lott war eine Fanfarengruppe aufs Dach gestiegen und weckte auch den letzten Sonntagsmittagsschläfer auf.“ Die Schauspielerin Marianne Koch trifft am Jahnplatz ein, um hier mit einem Heißluftballon zu entschweben. „So nett bin ich noch nie empfangen worden“, schwärmt die Prominente von Lippstadt. Wer am Tag des Festzugs die Heimatzeitung aufschlägt, stößt auf einen lokalpatriotischen Appell: „Nicht zurückhaltend mit Beifall sein! Besonders den Musikkapellen applaudieren.“


Als zweites Gastland ist England dran. August Schneider lockt mit „Europas schnellster Achterbahn mit den tiefsten Tälern“. Leider prallt am zweiten Sonntag gegen 18.20 Uhr ein vollbesetzter Wagen auf eine automatisch ausgelöste Sperre. Ursache: Ein Angestellter hat versehentlich die Notbremse betätigt, so dass sämtliche Wagen blockieren. Die vier Verletzten haben Prellungen, können aber nach ambulanter Behandlung sofort wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Nach 50 Minuten rollt die Achterbahn wieder an. Die Jugendlichen tummeln sich wie immer am Autoskooter und an der Amor-Raupenbahn. Der „lebende Vulkan“ Johann Gruschefski spuckt am Lippertor zwei Meter lange Flammen und lässt sich mit dem Gesicht in einen Haufen Glasscherben fallen, ohne einen Tropfen Blut zu verlieren. Die Gaststätten locken mit Livemusik: Im Ratscafé spielt Fritz Brüning die Hammond-Orgel, im Strandhotel rocken The Gordons, in der Stadtschänke die Bongos. Beim Tag der Offenen Tür in der Lipperlandkaserne kommen 4.000 Portionen Erbsensuppe unters Volk.
Nach zwei „internationalen Herbstwochen“ klingt das neue Motto eher nüchtern. Lippstadt will 1970 seine Geschichte und seine Zukunft feiern. Vielen Volksfestgästen dürfte das Leitwort ohnehin egal sein. Die Herbstwoche ist für sie ein Anlass, zünftig einen draufzumachen. Zum Beispiel im großen Bayernzelt am Tivoli. Andernorts geht es progressiver zu. Auf der Tivoli-Insel stellen die drei Cartoon-Betreiber und zwei Modehändler etwas völlig Neues auf die Beine: Erstmalig wird ein „Zelt der Jugend“ aufgebaut. Verpflichtet werden zehn Pop- und Rockbands aus Holland, darunter die schwer angesagten Golden Earring. In den Pausen verwandelt sich die Bühne zum Laufsteg – mit Modenschauen von Axels Men-Shop und der Boutique Hüsken 2000. Am zweiten Festsonntag laden die Briten in die Churchill Barracks. Auf besonderes Interesse stößt eine Kanone, die angeblich 1855 im Krimkrieg bei Sewastopol eingesetzt wurde. Die Kirmes bietet ein paar neue Attraktionen, darunter das „größte transportable Riesenrad“ auf dem Postgelände. Dort verspricht auch – „einmalig in Deutschland“ – das Looping-Karussell Passat eine „Fahrt mit dem Astronautenfahrgefühl“.


Ein „Vriendschapsfeest“ steht an: Die Städtepartnerschaft mit Uden wird besiegelt. Die Holländer fühlen sich in Lippstadt gut aufgenommen. Ein Kioskmann, der ein paar durstigen Udenern nicht das gewünschte Bier aushändigen kann, weil er’s nicht vorrätig hat, fasst sich ein oranje Herz und rückt kurzerhand eine Flasche Schnaps samt Pinneken raus. Internationale Annäherung ist auch beim freitäglichen Festzug gefragt: „Hübsche kastagnettenschlagende Spanierinnen und Griechen mit einem stilechten Sirtaki warben um Sympathie für die in Lippstadt lebenden Ausländer“, berichtet der Patriot. Auf den Weg gemacht haben sich diesmal elf Anhänger, acht Motorräder, 20 Fahrräder, 37 Pferde, 25 Hunde, 496 Personen und ein Esel. „Es ist ein echter Esel“, bekräftigt Organisator Hans Bünker ein paar Tage vorher gegenüber der Presse. Dass allerdings die Italiener, die größte Ausländergruppe in Lippstadt, nicht dabei sind, führt zum Eklat: „Sie stürmten nach Beendigung des Festzuges die Redaktion des Patriot und bekundeten temperamentvoll, wie gern sie dabei gewesen wären.“
Anlass für das Motto ist die Einweihung des neuen Stadttheaters. Neben der Hochkultur kommt aber auch die Subkultur zur Geltung; im Zelt der Jugend an der Ferdinandstraße spielen täglich mehrere Bands, darunter Pegasus als eingeborene Lippstädter. Beim Fassbieranstich im Turm der Brauerei Weissenburg am Freitag vor dem Herbstwochenstart reicht Bürgermeister Jakob Koenen ein einziger Schlag mit dem Holzhammer. Nach einem ordentlichen Schluck wischt Koenen sich den Schaum von den Lippen und stellt befriedigt fest: „Das Bock ist von hervorragender Qualität ...“ Nach dem Umzug am Freitag will die Brauerei Weissenburg den schönsten Wagen prämieren. 3.600 Schaulustige beteiligen sich an der Abstimmung. Der erste Preis geht an die Stadtgärtnerei, die ihr Gefährt mit mehreren tausend Chrysanthemen geschmückt hat. Dafür gibt’s ein 50-Liter-Fass. Ein Leserbriefschreiber nimmt das zum Anlass, Freibier für alle zu fordern: „Auch die Brauerei sollte überlegen, wie sie nicht nur zum Herbstwochenanfang für nur wenige Bürger einen spendiert, sondern während des Umzuges mal ein großes Fass öffnet.“


Die Vorbereitung des Herbstwochenumzugs beginnt Monate vorher. Vier Befehlshaber des Fernmeldebataillons 7 aus der Lipperlandkaserne lassen sich nicht lange bitten, sie sagen „den Einsatz von fünf Funksprechgeräten und die Bereitstellung von Wagen und Soldaten“ zu. Zugorganisator Günther Laskowski haut auf den Tisch: Der an der Barbarossastraße startende Zug „darf nicht durch die Schranken der WLE am Bruchbäumer Weg auseinandergerissen werden“. In den Vorjahren wurde man dort immer mal von Bummelgüterzügen ausgebremst. Am großen Tiergarten-Wagen prangen die Worte „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd“, womit dem Gastland Österreich gehuldigt wird. Begleitet wird der Umzug von der Dortmunder Polizeikapelle, einer englischen Militärband, einer 46-köpfigen Tiroler Trachtenformation und einer galizischen Dudelsackkapelle. Teutonia Lippstadt würde gern einen Bundesligisten für ein Flutlichtspiel am 17. Oktober zum Waldschlösschen locken. Klappt aber nicht. Am Ende begnügt man sich mit einem ehemals großen Namen, der 1973 in der Regionalliga vor sich hindümpelt: Borussia Dortmund.
Anlässlich der belgischen Woche haben sich zwei Postbeamte aus Lüttich kurzzeitig nach Lippstadt versetzen lassen. Die beiden haben in der Volksbank ein Postamt auf Zeit eröffnet, um Karten und Briefe mit dem begehrten Herbstwochen-Sonderstempel zu versehen. Auch beim Umzug legt sich das Gastland ins Zeug. Neben den Riesen von Tournai und der hübschen Rosinette, ihres Zeichens amtierende Miss Belgien, fährt auch das Maskottchen aus der Hauptstadt mit: „Gleich in der Doppelrolle angeboten wurde das weltbekannte Brüsseler Wahrzeichen Manneken Pis, das sich ganz im Zeichen der freundschaftlichen Kontaktpflege mit den Belgiern ungeniert mit der ihm charakteristischen Zielsicherheit von hohem Podest auslassen durfte.“ Musikalisch geben auf der Herbstwoche einmal mehr Holländer den Ton an: Ekseption und die Oscar Benton Blues Band spielen im Zelt der Jugend an der Ferdinandstraße. Auch sonst läuft das Rahmenprogramm rund. Die Ballettschule Mickeleit tanzt beim Altennachmittag im Kolpingsaal. Der große Herbstwochen-Krammarkt in der Friedrichstraße zieht trotz Schmuddelwetters die Massen an.


Nun wächst zusammen, was nach alter Väter und Mütter Sitte nicht zusammengehörte. Die Herbstwoche feiert die kommunale Neuordnung. Seit Jahresbeginn gehören Orte zu Lippstadt, die bis Silvester ’74 ihr eigenes Verwaltungssüppchen gekocht hatten, allen voran das 3.100 Einwohner zählende Lipperode. Der von den Zuschauern mit viel Szenenapplaus bedachte Festzug macht Hoffnung: Sämtliche neuen Ortsteile sind mit einem Wagen oder einer Fußtruppe vertreten, bis hin zum kleinen Lohe.
Die Schausteller sind ein wenig sauer. Sprecher August Schneider klagt, „dass seitens des Verkehrsvereins zwar von den Standgeldern (geschätzt mindestens 35.000 DM) noch 10 Prozent zusätzlich erhoben worden sei für Werbekosten, eine Werbung für die Kirmes aber nicht erfolgt sei“.
Endlich können die Wasserspiele und die Illumination in der Lippe gegenüber dem Tivoli wieder bewundert werden. Mehrere Jahre waren die sprühenden und angestrahlten Wasserfontänen nicht zu sehen. „Als ,Die Wasserreiche‘ sollte die Stadt diese Attraktion möglichst zu einer festen Einrichtung machen, denn auf vorüberfahrende und -gehende Besucher werden sie nicht ohne Eindruck bleiben.“
Heino lässt im Stadttheater den Enzian blau aufblühen. Der Sänger kann nicht an sich halten und lästert über die vielen Einbahnstraßen hier: „Wenn ich von der Autobahn komme und ich verfahre mich in Lippstadt, dann muss ich immer gleich nachtanken, ehe ich den gesuchten Ort gefunden habe.“ Bundestagspräsidentin Annemarie Renger erklärt bei der Eröffnung Lippstadt mal eben zur Referenzmetropole: „Lippstadt kann ein Beispiel für das vereinte Europa sein.“ Denn: „Hier hat es immer wieder Menschen gegeben, die sich am eigenen Schopf aus schwierigen Situationen herauszogen.“ Die Kirmes trumpft auf dem Kuhmarkt mit „Europas schnellster Karusselfahrt“: in der Bayern Kurve. Zum Karstadt-Platz locken die „Todesfahrer aus Hamburg“ mit ihrer Motorradsteilbahn. Nebenan drehen sich die Gondeln des Hollywoodstar. Einiges zu bieten hat der Marktplatz: Neben dem Musik-Shop („Das tolle Schlagerkarussell“) finden sich hier das Round Up (im Volksmund Affen- oder Kotzkäfig genannt), das Überkopf-Karussell „Enterprise“ und das Geister-Taxi. Alles super? Nicht ganz. „Nachts sind Langfinger auf dem Rummel unterwegs, schneiden Segeltuchverkleidungen auf und klauen Kirmesartikel.“


Ob man sich vorher nicht einigen konnte? Das 77er-Fest wirbt mit drei Mottos. Das Hauptleitwort konkurriert mit zwei Unterslogans: „Anziehungspunkt Mittelpunkt Treffpunkt“ und „Deutsche Kultur im Osten“.
Rauchen hat 1977 noch das Image eines Genießer-Lasters. Im Goldsaal des Hotels Drei Kronen zeigt das Fachgeschäft Zigarren Backhaus die Ausstellung „Rund um den Tabak“. Prunkstück der Schau ist die größte Pfeife der Welt. Bei einer etwas anderen Ausstellung der Innungskrankenkasse ein paar Straßen weiter wird den Rauchern allerdings der nikotingelbe Mittelfinger gezeigt: „Der Raucher-Max beweist dem Besucher, wie die Lunge nach starkem Tabakgenuss aussieht.“
Die Kirmes spielt sich auf sechs großen und kleinen Plätzen ab: Kuhmarkt, Lippertor, Rathausplatz, Marktplatz, Poststraße und Karstadt-Platz. „Über 90 Geschäfte erwarten Sie, um Ihre Freizeit zu verkürzen. Mal so richtig fröhlich sein … Es gibt viel zu bestaunen und für alle wird es bestimmt eine große Gaudi werden“, verheißen die Schausteller.
1.500 Spanier leben Ende der 1970er Jahre in Lippstadt, doch bei der ihrem Heimatland gewidmeten Herbstwoche spielen sie eine eher bescheidene Rolle. Von 88 Gruppen, die am Festzug teilnehmen, wird nur eine einzige von den Spaniern gestellt. Organisator Günther Laskowski rechtfertigt die magere iberische Beteiligung mit dem Fehlen geeigneter Ansprechpartner. Einzige Anlaufstelle sei ein spanischer Lehrer gewesen. Gemeint ist Amposto Aguilella, und der spricht später Klartext: In der Vergangenheit hätten die Veranstalter Geld für Umzugs-Gruppen ausgegeben, von den Spaniern sei nun aber erwartet worden, dass sie alles gratis machen. Und überhaupt: „Diese Herbstwoche ist nicht so sehr für die hier lebenden Spanier von Bedeutung, sondern eher für den Tourismus.“ Die 78er-Kirmes hat eine neue Attraktion parat. Neben der Rotbuche an der Poststraße schwingt Europas größte Luftschaukel durch die Lüfte: die Alte Liebe. Leider ist es eine regenreiche Herbstwoche, nachmittags nieselt es oft unentwegt. Wer über den nur mäßig gepflasterten Kuhmarkt bummelt, verlässt ihn am Ende mit schlammverdreckten Schuhen.


Um dem Motto gerecht zu werden, legen sich viele mächtig ins Zeug. Das Café Wetekamp hat den „Schiefen Turm von Pisa“ im Angebot – das süße Teilchen sieht tatsächlich wie eine Miniatur des Originals aus. Der Umzug wartet mit eindeutigen („Vom Lippesand zum Adriastrand“), aber auch zweideutigen Wagenmottos („Von der Lippe bis zum Po“) auf. Im Strandhotel schmettert Italo-Schlagersänger Lino Moreno seine Lieder. Worum es diesmal geht, macht Schirmherr Johannes Rau, der spätere Bundespräsident, schon bei der Eröffnung im Stadttheater klar: „Die Italiener und die Deutschen sind seit über 2000 Jahren auf besondere Weise miteinander verstrickt. Es war eine Zeit des Zueinanderkommens, eine Zeit der Verwicklungen, auch des Streits, … aber vor allem der gegenseitigen Befruchtung.“ Nun aber gelte, nicht zuletzt hinsichtlich der Herbstwoche: „Wer zusammenlebt, muss auch zusammen feiern.“
Zu den Rummelplatz-Anziehungspunkten jener Jahre gehört der Blumenverlosungswagen, genannt Flora, an der Marienkirche. Hunderte bunte Sträuße und Topfpflanzen werden hier jeden Tag unters Volk gebracht. Hungrige haben die Wahl zwischen Reibekuchen, Rostbratwürstchen, Bratfisch und vielem mehr. Besonders beliebt ist in den 1970er-Jahren die Schwarzwaldmühle mit ihren Seemuscheln. Letzter Karussellschrei ist der Hopser: eine ungestüm rotierende und sich aufbäumende Scheibe auf dem Kuhmarkt.
Keine Herbstwoche organisiert sich von selbst. Diesmal haben sich 300 Schausteller beworben, aber nur 90 kommen am Ende zum Zuge. Damit die Besucherzahl stimmt, muss die Werbetrommel gerührt werden. 3.000 Plakate (auf denen der Name des Partnerlands mit ae statt ä prangt) werden in Lippstadt, aber auch im Sauerland, bei Bielefeld oder in Höxter aufgehängt. 25.000 Handzettel informieren übers Programm. Wer geglaubt hat, Lippstadt sei zumindest zur Herbstwoche der Nabel der Republik, wird abends im Stadttheater eines Schlechteren belehrt. Zu glauben, dass Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff nach Lippstadt kommt, war vielleicht etwas naiv. Der Graf lässt sich entschuldigen. Im Stadttheater eröffnet sein Stellvertreter, ein eher unbekannter Staatssekretär, die Herbstwoche. Partnerland Dänemark zeigt sich präsent. Schlagersängerin Dorthe verrät im Stadttheater jedem, der es noch nicht weiß oder mal wieder bekräftigt haben will: „Rot ist die Liebe.“ Die 80 Mädchen starke Pige-Garde aus Odense marschiert mit Pauken, Trompeten und Glockenspiel auf dem Wilhelmschulhof hin und her.


Welch ein Omen: Just als beim Fassbieranstich der erste Tropfen Gerstensaft ins Glas platscht, öffnet auch der Himmel seine Schleusen. Abends wird der Regen verdrängt, das Stadttheater ist in ein Blumenmeer getaucht. Die Buketts sind ein Gruß des holländischen Blumenzwiebel-Zentrums in Den Haag. Die Partnerstadt Uden ist auch kulinarisch gut vertreten – nicht nur mit obligatorischem Käse, sondern auch mit Honigkuchen, Reistorte und Rotbarschsuppe. Kirmesgänger erleben auf dem Marktplatz einen kurzen Moment der Verwirrung: Der Musik-Shop, den Älteren auch als Musik-Express bekannt, hat mal wieder einen Namenswechsel über sich ergehen lassen müssen. Das vor allem bei 13- bis 16-Jährigen beliebte, als Treff genutzte Karussell heißt jetzt Star-Club. Letzter Schrei auf dem Rummel ist diesmal das Überkopfvergnügen im Super-Loops auf dem Rathausplatz. Der Karstadtplatz, wo die große Achterbahn steht, ist bei Regen allerdings voller Löcher und Pfützen.

„So einen Besucherstrom hatten wir noch nie!“ Verkehrsverein-Geschäftsführer Helfried Stange sieht nach dem Eröffnungswochenende seine gesteigerten Werbeaktivitäten bestätigt, wurden doch diesmal statt 20.000 Programmen 40.000 gedruckt und viel mehr Werbeschilder und Plakate aufgehängt. Ein Sonderlob geht an die Brauerei Weissenburg, die in den Vorwochen 300.000 mit einem Herbstwochen-Hinweis bedruckte Bierdeckel unters Kneipenvolk in der Region gebracht hat. Beim Festumzug fährt das längste Fahrrad der Welt mit: 43 Radler treten in 86 Pedale. Den farbenprächtigsten Aspekt setzen die vom 82er-Motto auserkorenen Griechen „mit ihren folkloristischen Trachten, mit ihrem Wagen, auf dem die Tempel der Akropolis für einen Tag an die Lippe versetzt wurden“. Wer allerdings auf Bouzouki-Klänge gesetzt hat, geht leer aus. Wie immer beherrschen Marschmusik und Fanfarengeschmetter die akustische Szenerie. Was sich in den ersten Tagen angedeutet hat, setzt sich fort. Die Herbstwoche endet mit einem Rekord: 400.000 Besucher waren in der Stadt.
Das obligatorische Fass Freibier zum Kirmes-Start wird 1983 letztmals von Bürgermeisterin Dr. Barbara Christ angestochen. Kurz zuvor hat es beim Zeremoniell unterm Fliegenden Teppich ein wenig Knatsch gegeben: Schausteller-Sprecher August Schneider mault über die seiner Meinung nach nicht gelungene Standortverteilung auf den Kirmesplätzen seitens des Verkehrsvereins. Die Bürgermeisterin nimmt die Kritisierten in Schutz: „In diesem Geschäft wird schon mal mit harten Bandagen gekämpft.“ Am zweiten Herbstwochen-Samstag steigt in der Südlichen Schützenhalle eine fast elfstündige Rocknacht: mit Golden Earring und Herman Brood als Headliner. Die auf der Tivoli-Insel platzierte Luftschaukel Alte Liebe hat auf dem Karstadt-Platz einen ernsthaften Konkurrenten bekommen: das Traumboot, das nicht nur selig hin und her schwingt, sondern auch Überschläge vollführt.


„Der Berliner Bär nimmt die Lippstädter Rose gern in die Hand“, sagt Schirmherrin Hanna-Renate Laurien in der Eröffnungsrede. Das Herbstwochen-Motto wird zum Anlass genommen, das an der Abfahrt Lippstadt-Süd seit Jahren fehlende Straßenschild „Berliner Straße“ neu anzubringen. Beim Festzug mischt eine Gruppe Berliner Fahnenschwinger mit. Eine Reihe weiterer Veranstaltungen beschäftigen sich mit der geteilten Stadt. Die Resonanz ist so gut, dass der Verkehrsverein den Schluss zieht: „Vielleicht sollten auch einmal andere deutsche Städte als Partner gesucht werden.“ Heftige Stürme und Dauerregen prägen den Volksfest-Beginn. Winterlich kalt, aber freundlich geht es zu, als das Spektakel eine Woche später endet. Wie das Wetter verläuft nach Meinung der Beteiligten die ganze Herbstwoche: Anfangs eher schwach, doch dann immer besser. Die Geschäftsleute sind allerdings zufriedener als die Schausteller. Als Erfolg wird das erstmals angebotene „Park and Ride“ gewertet. Der Bus-Pendelverkehr führt dazu, dass die Innenstadt an beiden Sonntagen von 800 Autos verschont bleibt.
Die Stadt feiert sich selbst. Menschenmassen strömen zum Umzug am Freitag. Tausend Akteure ziehen einen Bogen von Stadtgründer Bernhard II. bis zur Gegenwart. In Szene gesetzt werden die Hanse, die Stadtbrände, der einstige Hafen, aber auch die Diskothek KU. Der Kommentar des Patriot: „Ein Festzug mit Charme, ein Festzug mit Atmosphäre, da war Kreativität und Ideenreichtum spürbar.“ Aber hat Kirmes noch Zukunft? Schausteller-Chef August Schneider äußert sich mal wieder besorgt: „Die Leute kommen mittlerweile vor allem zum Gucken auf den Rummel. Es gibt auch zu viel Konkurrenz durch ganzjährig geöffnete Freizeitparks.“ Obendrein gibt es simultane Konkurrenz: im nahen Paderborn, wo Herbstlibori gefeiert wird. „Das machen die in Paderborn ganz bewusst zur gleichen Zeit“, mault der Verkehrsverein. Wie jedes Jahr reisen am zweiten Festsonntag über 100 Briefmarkensammler aus ganz Nordwestdeutschland zum Tauschtag im Rathaussaal an. Hier wechseln auch teure Stücke im Wert von über 1.000 Euro den Besitzer.


Der Beginn läuft furios, aber ab Sonntag verderben Dauerregen, Sturm und Kälte den Schaustellern das Geschäft. Bis zum bitteren Herbstwochenende. „Das war eine Katastrophe“, flucht eine Süßwarenhändlerin. Es gibt aber auch Gewinner: Das Schirmwetter führt zur Flucht in die Kneipen; für die Wirte ist es die gefühlt umsatzstärkste Herbstwoche aller Zeiten. Im Bayernzelt am Lippertor lassen Trachtenkapellen die weiß-blaue Sau raus. In einem neuen Zelt der Jugend an der Spielplatzstraße setzt es Krautrock von Grobschnitt, aber auch Theater mit Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“. In der Südlichen Schützenhalle präsentieren The Lords den Beat der 60er. Auf der Kirmes bricht eine neue Karussell-Ära an: Im Break-Dancer geht es nicht nur rasend rund und derbe rauf und runter, sondern gleichzeitig kreuz und quer. Da kann der Fahrgast schon mal die Orientierung verlieren – oder seine Brille. Oder seinen Mageninhalt.
Auf dem Rummel wird geklotzt: Eine ganze Woche sind mitgereiste junge Männer unter Zuhilfenahme von Kränen damit beschäftigt, die Wildwasserbahn aufzubauen, die mit 30 Eisenbahnwaggons von Rummelplatz zu Rummelplatz kutschiert wird. Am Ende breitet sich der 69 Meter lange und 35 Meter breite Fahrgeschäftskoloss über fast den kompletten Karstadtplatz aus. Auf dem Rathausplatz schrammen die Veranstalter haarscharf an einem Desaster vorbei. Befürchtet wird, dass der mit Kopfsteinpflaster neugestaltete Platz dem Riesenrad nicht standhält, war doch noch nie ein mit 45 Metern so hohes und folglich auch schweres Karussell in Lippstadt. Der Tiefbauamtsleiter hat keine Antwort auf die Frage, mit welcher Kraft das Riesenrad auf den Boden drückt. „Was passiert, wenn der Boden unter einem der Stempel nachgibt?“, fragen besorgte Lokalpolitiker. Erst am Eröffnungstag gibt der TÜV aus Essen Entwarnung. Endlich ist klar: „Die Träger-Pylonen des Gerätes drücken mit einer Kraft von 1,2 bis 1,8 Kilopond pro Quadratzentimeter auf den Rathausplatzboden, der aber für mindestens 2,0 Kilopond ausgelegt ist.“


„Ich kann mich nicht erinnern, dass wir zur Herbstwoche schon einmal so schönes Wetter hatten“, erklärt Helfried Stange vom Verkehrsverein. „So viel Stimmung und Atmosphäre haben Veranstaltungen in Nachbarstädten wohl kaum vorzuweisen.“ Beim Eröffnungskonzert ist diesmal Fado angesagt. Die Darbietungen der Sängerin Isabel Silvestre und des Universitätschors aus Coimbra finden beim Lippstädter Publikum zwar durchaus Gefallen, doch der Schlussapplaus fällt „nicht sonderlich ausdauernd“ aus. Einen ansprechenden Umzug auf die Beine zu stellen, das ist keine leichte Aufgabe. Es wohnen ja eher wenige Portugiesen in Lippstadt; und die Tourismusbranche hat nicht die Mittel, um groß aufzutrumpfen. Am Ende gerät der Umzug zu einem der gelungensten der 1980er Jahre. Das Spektakel steht im Zeichen von Seefahrern und Entdeckern wie Vasco da Gama. Die Wagen stellen Galeeren und Segelschiffe dar, die sich mit Großsegel und Takelage ihren Weg durchs Zuschauermeer bahnen. Die Kinder verkleiden sich als Oliven und Weinflaschen.
Nach dem Besucherrekord des Vorjahres möchten die Volksfestmacher erstmals die Millionenmarke sprengen. Am Auftaktwochenende scheint der Rekord greifbar zu sein. Es strömen so viele Leute aus dem Umland her, dass es auf den Zufahrtsstraßen arg zähflüssig zugeht. Zwischen Bökenförde und Lippstadt kommt es am Sonntagnachmittag gar zu einem kilometerlangen Stau. Am Ende wird der angepeilte Besucherrekord knapp verfehlt, weil es an den Schlusstagen Bindfäden gießt.
Am Freitag setzen 1.000 Akteure das Motto „Ein Musikerlebnis“ in Szene. Zwölf Festwagen und 15 Kapellen ziehen durch die Stadt. Leider gibt es technische Pannen. Aber es gibt auch Gutes zu vermelden: Die eine oder andere Gruppe im Zug hat Nahrhaftes anzubieten, so dass es sich die Zuschauer mit Bier, Bohnensuppe und Süßigkeiten gut gehen lassen können.
Kaum zu fassen: 1989 steht kein Riesenrad vorm Rathaus!


Im Vorfeld gibt’s Knies: Der Stadtrat stimmt mehrheitlich gegen längere Öffnungszeiten, so dass Kirmes und Festzelte weiterhin um 22 Uhr Schluss machen müssen. Jedenfalls offiziell, denn „solange sich keiner beschwert, darf es ruhig länger gehen“, sagt der städtische Rechtsdezernent Franz Ulrich Lücke augenzwinkernd.
Das Herbstwochenmotto erweist sich als Volltreffer. „Das Wiener Fremdenverkehrsamt hat richtig gepowert“, erinnert sich der damalige Herbstwochenmacher Helfried Stange. Der Herbstwochenumzug setzt sich erstmals nicht freitags, sondern am Samstag in Bewegung. So muss kein Akteur mehr Urlaub nehmen. Das Motto Wien wird ansprechend umgesetzt. Zu sehen gibt es überdimensionale Wiener Würstchen und die leibhaftigen Wiedergänger von Kaiser Franz Joseph und seiner noch berühmteren Sissy.
Gegen leuchtend rot umhüllten Edamer-Käse aufwiegen lässt sich Franz Klocke bei der Eröffnung des Hollanddorfs an der Jakobikirche. Gut 80 Kilo bringt der Bürgermeister auf die Waage, was umgerechnet 1.000 Mark zugunsten des Hedwigsheims bedeutet. Viel Sonne sorgt für eine positive Grundstimmung, auch wenn das Bier in Lippstadt teurer ist als auf dem Oktoberfest. Verbessert zeigt sich das Volksfest in Sachen Umweltschutz: Getränke aus Kunststoffbechern gelten an den Bierbuden ab sofort als tabu. Zumindest theoretisch. Bis die neue Regel konsequent umgesetzt wird, bedarf es allerdings noch einiger Gespräche und Überzeugungsarbeit. Zum wiederholten Mal wird auf der Tivoli-Insel ein bayerisches Bierdorf mit einem 100 Meter langen Tresen aufgebaut. Einigen Anwohnern stinkt das, sie fühlen sich ihrer Nachtruhe beraubt. Das Partyvolk kann diese Haltung nicht nachvollziehen: Herbstwoche ist doch nur einmal im Jahr.


Im dritten Jahr nach der Wende schlägt die Wiedervereinigung durch. Sachsen gibt sich die Ehre, der starke August prangt auf dem Festplakat. An der Wilhelmschule lädt ein Sachsenzelt zum Feiern ein. Eine weitere Station des Freistaats befindet sich an der Jakobikirche: Im sächsischen Dorf finden sich Räuchermännchen, Pyramiden aus dem Erzgebirge und anderes typisch Sächsisches. Erstmals bieten die Schausteller am Mittwoch eine Happy Hour an – unter der Devise „einmal zahlen, zweimal fahren“. Endlich wird dem vielfach geäußerten Wunsch nach längeren Öffnungszeiten stattgegeben. Unter der Woche darf der Rummel jetzt bis 23 Uhr laufen und am Wochenende bis Mitternacht. Die Besucherzahl bleibt hinter den Erwartungen zurück – eine Viertelmillion weniger als erwartet. Die Schausteller führen einen Teil des Schwunds auf den Wegfall des traditionellen Herbstwochen-Umzugs am Freitag zurück. „Wenn Sie uns helfen, einen attraktiven Zug auf die Beine zu stellen, sind wir dabei“, antwortet der Verkehrsverein.
Thüringen lockt neben anderen Spezialitäten mit der berühmten „Thüringer“ Rostbratwurst, und zwar nicht der vorgebrühten „nach Thüringer Art“, sondern der echten „Thüringer“. Das Veterinäramt wendet ein: „Auf der Herbstwoche muss die Wurst gemäß den hiesigen Vorschriften vorgebrüht sein.“ Notgedrungen fügt sich der Metzger. Glücklicherweise schmeckt den Lippstädtern auch die vorgebrühte Variante, so dass schon am ersten Festsonntag alle Würstchen verkauft sind und Nachschub besorgt werden muss. Bevor es losgeht, knöpft sich Schaustellerboss Walter Burghard noch ein paar Kollegen vor, die ihre Buden und Karussells im Vorjahr schon um 22 Uhr geschlossen hatten. Am Tivoli geht allabendlich zu jeder vollen Stunde eine Licht- und Wasserspiel-Show über die Flussbühne. Wasserkanonen und andere Effekte verwandeln die Umgebung in eine futuristische Landschaft. Im Zuge dieses Spektakels wird das Herbstwochen-Feuerwerk am Dienstag nicht im Grünen Winkel, sondern auf dem Nikolaischulparkplatz gezündet.


„Neue Impulse für die Beziehungen zwischen unseren Völkern“ verspricht sich vom gastlichen Dorf der Kulturattaché der tschechischen Botschaft, Miloslav Chonath. Am zweiten Samstag steigt am Finanzamt ein Topfmarkt. Leider bleibt der Umsatz hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht, weil’s alles gab, nur keine Töpfe. Es bleibt daher bei einem einmaligen Experiment. Ein Dauerbrenner ist seit Jahrzehnten der Briefmarkentauschtag im Rathaus. Marken gehen hier immer, während die zu Beginn der 90er angesagt gewesenen Telefonkarten out sind. Auf den fast durchweg sonnenbeschienenen Rummelplätzen klingelten die Kassen. Aber: „Die langjährige Tradition, ein Partnerland, seine Menschen, seine Kunst und Kultur näherzubringen, wird sicherlich nur noch sehr bedingt erfüllt. Das Eröffnungskonzert, das landestypische Dorf – viel mehr passiert nicht. … Die Herbstwoche ist mittlerweile vor allem Kirmes, zu wenig Fest- und Kulturwoche.“

Auf dem Festplakat prangt Friedrich der Große, an der Jakobikirche gibt’s Spreewaldgurken, Schinkenspeck und Zwiebelfleisch. Den Fassbieranstich erledigt der neue Bürgermeister Klaus Helfmeier. Es ist mal wieder eine Herbstwoche, die in den Herbstferien liegt, so dass auch alltags ständig was los ist. Der neue Kirmesplatz am Stadthaus wird gut angenommen. Die Polizei ist auf dem Rummel auffallend präsent. Aus nicht so gutem Grund: Zwei Tage vor Herbstwochenbeginn kommt es am Güterbahnhof zu einer wüsten Schlägerei zwischen zwei Schaustellerfamilien. 30 Personen gehen mit Baseballschlägern, Messern und Schreckschusswaffen aufeinander los. Die mit Kräften aus dem Umland massiv verstärkte Lippstädter Polizei kann das Schlimmste verhindern.
Ein Überfall auf eine junge Frau zu Beginn der Herbstwoche entfacht Unruhe. Der Täter wird aber rasch gefasst. Nun kann das Fest unbeschwert starten. Das Hüttendorf ist erstmals an der Marienkirche aufgebaut worden. Publikumsliebling ist der „Frisbee“ auf dem Woldemeiplatz: „Dank modernster Technik stoßen die Kirmesbesucher hier in eine neue Dimension vor“, verheißt Marktmeister Helfried Stange. Auch für die Karussellklassiker wird getrommelt: Auf den Kuhmarkt lockt der „Hard Rock Drive“ – ein neuer Auto-Scooter „mit supergroßer Fahrbahn“.
Leider spielt in diesem Jahr das Wetter nicht mit. Ausgerechnet an den beiden Sonntagen schüttet es wie aus Eimern. Aufgefallen sind den Kirmesleuten die veränderten Gewohnheiten vieler Besucher: Sie tauchen immer später auf den Rummelplätzen auf. „Am Wochenende, wenn bis 0 Uhr geöffnet ist, kommen viele erst gegen neun statt wie früher zwei Stunden eher.“


Weltpremiere: Familie Willenborg aus München weiht auf der Herbstwoche ihr nagelneues Riesenrad ein, das mit 55 Metern den Vorgänger um elf Meter überragt. Das vier Millionen Mark teure Fahrgeschäft punktet zudem mit geschlossenen Gondeln. Es lockt sogar zahlreiche neugierige Schaustellerbosse aus Düsseldorf, Bonn und sogar Holland nach Lippstadt. 40.000 Quadratmeter Fläche bietet die 97er-Herbstwoche – die bislang größte Lippstädter Kirmes.
Umsatzstärkster Tag wird der Mittwoch – dank der ein paar Jahre zuvor eingeführten „Happy Hour“-Aktion. Der Tierschutzverein hat Monate vor der Herbstwoche den Verzicht aufs Feuerwerk im Grünen Winkel angemahnt. Es sei doch erschreckend, wie die Tiere durch den Lärm „in ihrer nächtlichen Ruhe gestört und aufgeschreckt werden“. Das Ansinnen des Tierschutzvereins wird vom Verkehrsausschuss abgeschmettert: Das Feuerwerk gelte seit Jahrzehnten als herausragende und unverzichtbare Attraktion.
Als letztes der neuen Bundesländer sollte sich eigentlich Sachsen-Anhalt die Ehre geben. Doch im Jahr zuvor flatterte ein Brief herein, mit dem der Tourismus-Verband Sachsen-Anhalt zwar sein Interesse bekundet, gleichzeitig aber mitteilt, dass man „keine Zeit“ habe, sich die Herbstwoche anzusehen. Stattdessen präsentieren sich Städte, Kurorte und Inseln von der Nordseeküste im „Norddeutschen Dorf“ an der Marienkirche. Nicht alles wird indes mit den Nordlichtern rund laufen: Der Hamburger Fischmarkt an der Poststraße floppt – die Herbstwochenbummler halten lieber dem altbekannten Kuddel auf Thombansens Hof die Treue. Vor der Herbstwoche flammt mal wieder die alte Diskussion auf: Ist die Herbstwoche mit neun Tagen nicht zu lang? Schaustellersprecher Burghard antwortet mit „Nein“. Im Gegenteil, sie könne sogar noch länger dauern. Dann fiele es den Beschickern leichter, auch mal einen Schlechtwettertag auszugleichen.


Auf den Plakaten prangt „Theater, Theater“, womit das 25-jährige Bestehen des Stadttheaters gewürdigt wird. Passenderweise wird die Herbstwoche mit einer Lippstädter Musicalproduktion eröffnet: „Mary Poppins“. Neu ist die „Lady Night“ am Montag. Karussell-Rabatte sollen einen Frauen-Ansturm auslösen. Der Ansturm hält sich allerdings in Grenzen. Immer besser angenommen wird die „Park-and-Ride“-Option: An den Wochenenden werden mehr als 15.000 Besucher per Bus vom Stadtrand in die City befördert. In der Nacht auf den zweiten Herbstwochensonntag gehen rund 30 Skinheads auf 15 Ausländer los, ein 38-jähriger Italiener wird durch Tritte und Schläge so schwer verletzt, dass er tagelang im Krankenhaus behandelt werden muss. Die Polizei ist mit 80 Beamten zur Stelle und verhaftet 26 Skins. Bereits Sonntagmittag kommen sie wieder auf freien Fuß. Die Polizei verlautbart, dass sich die Skins nicht gezielt verabredet, sondern nur zufällig getroffen hätten. Nur zufällig? Zwölf Monate später wird man schlauer sein.
Die seit 1975 zu Groß-Lippstadt vereinten siebzehn Ortsteile kommen zu ihrer Silberhochzeit zusammen. Dazu werden im Millenniums-Oktober eine Million Besucher erwartet. Die Innenstadt ist voller Menschen. Doch obwohl die Kassen klingeln, lächeln nicht alle unbeschwert. Dass auf dem Herbstwochenplakat zwar die verkaufsoffenen Sonntage auftauchen, aber nichts von der Kirmes zu sehen ist, gehe gar nicht, finden die Schausteller. Nach zehn Jahren Pause gibt es wieder einen Festzug, der es zum bis heute größten aller Lippstädter Herbstwochen schafft. Erstmals nach 1985 lockt wieder eine Boxbude. Für jeden ausgeknockten Profi gibt’s, je nach Gewichtsklasse, 100 oder 200 Mark. „Wer die gesamte Truppe k. o. schlägt, bekommt 4.000 Mark“, sagt Betreiber Johann Lemoine – „das hat aber noch keiner geschafft“. Im Tivolizelt rotten sich erneut 30 Skinheads zusammen. Die Polizei ist diesmal gut vorbereitet und hält die ungebetenen Gäste in Schach. Die Lippstädter Polizeitaktik sei vorbildlich, meint Hermann Krameyer, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes.


Der Knüller der 69. Herbstwoche steht auf dem Kuhmarkt. Dort steht der Hip Hop Fly, der seine Fahrgäste nicht nur durch die Lüfte schaukelt, sondern mit drehenden Sitzreihen durcheinanderwirbelt. Betrieb herrscht auch im Thüring’schen Dorf an der Marienkirche. Nach den neun Jubiläumstagen zieht der Verkehrsverein eine „sehr gute Bilanz“. Der Schaustellerverein wird deutlicher: „Die Herbstwoche war ein Knaller!“ Und was sagt die Polizei? Zehn Körperverletzungsdelikte an neun Festtagen sind ein „normaler Schnitt“, meint Josef Jakobi, Chef der Inspektion Lippstadt. „Da haben wir an manchen Schützenfest-Wochenenden genauso viel.“ So etwa, als ein Jugendlicher einen Schausteller mit den Worten „Gib‘ mir einen ab“ um einen Pfannkuchen angeht. Was folgt, ist eine wüste Keilerei. Auch diesmal rotten sich fünfzig angereiste Skinheads zusammen. Die Polizei hat die Lage im Griff, sie hatte vorsorglich Verstärkung aus Dortmund angefordert.
Zu den Kirmesattraktionen gehören nicht nur moderne Magenumdreher wie der als „die totale Rotation“ beworbene Aqua Riesen-Polyp, sondern auch Nostalgiekarussells wie die Überschlagschaukel Looping The Loop. Besonders gut meint man es diesmal auch mit dem Partyvolk: Der Verkehrsverein will den Lippebug mit zwei der angesagtesten Eurodance-Bands entern: Rednex und Mr. President, doch beide erscheinen nicht. Für sie springt Daniel Ligges ein. Dienstagabend gehen im Grünen Winkel 350 Kilo Explosivstoffe in die Luft. Sternbuketts und ein Regen aus hell glitzernden Blinkern entlocken den Zuschauern ein „Ohh“ und „Ahh“ nach dem anderen. Akustisch untermalt wird das Feuerwerk teils lieblich, teils mit Kirmes-Techno – mit Stücken von Scooter, Sarah Brightman oder dem Superman-Soundtrack. Das Finale bildet ein Regen aus funkelnden Goldpalmen, während im Hintergrund der unvermeidliche John-Miles-Schmachtfetzen ertönt: „Music (was my first love)“.
Für die 2003er-Herbstwoche hat man sich was Neues einfallen lassen: leuchtende Klebe-Tattoos mit dem Schriftzug „Natürlich! Lippstadt“ inklusive des bunt daherkommenden Leitbilds „Licht – Wasser – Leben“. 20.000 Stück hat der Verkehrsverein geordert. Schon am Auftaktwochenende werden mehr als ein Drittel davon unters Volk gebracht, vorwiegend unter junge Leute. Die Kirmesleute sind indes nicht mit Rückenwind nach Lippstadt gekommen, ihre Saison war schwierig, die Deutschen sind 2003 nicht in Konsumlaune. Um mehr Leute auf den Lippstädter Rummel zu locken, beschließt man am Vorabend des Volksfests, erstmals den kompletten Mittwoch zur Happy Hour zu erklären – von 14 bis 23 Uhr. Die Herbstwoche läuft sehr gut an, bis Regen, Kälte und sogar Schnee den Schaustellern das Geschäft vermiesen. Die Besucher kommen zwar trotzdem in Scharen, steuern aber zielstrebig die Partyzelte an.
Schausteller-Chef Walter Burghard nutzt die Eröffnung, um eine Lanze für sein Metier zu brechen. „So manch einer rümpft hochmütig die Nase, wenn Kirmes im selben Atemzug mit anderen kulturellen Einrichtungen genannt wird.“ Immerhin reiche die Tradition der Rummelplätze aber bis ins Mittelalter zurück. Sie seien nicht auf Zuschüsse angewiesen und brächten den Kommunen Gebühren und auswärtige Besucher. Zu den unbekannteren Herbstwochen-Höhepunkten gehört die Plattenschau des Lippstädter Köcheclubs. Im Rathaussaal demonstrieren Köche die Kunst des Dekorierens feiner Speisen. Was verführerisch aussieht, wäre im Restaurant allerdings nie serviert worden. „Da ist überall kein Geschmack dran, das ist nur Schau“, verrät Hans-Dirk Scheer vom Köcheclub. Um auch nach vielen Stunden noch frisch zu glänzen, sind alle Gerichte mit Gelatine präpariert worden. Nicht jeder, der die fein gestalteten Teller im Rathaussaal bewundert, ahnt, wie viel Arbeit in den Kunstwerken steckt.
„Ich heiße zwar Sommer, doch inzwischen bin ich ein ausgesprochener Herbstfan“, erklärt Lippstadts brandneuer Bürgermeister Christof Sommer anlässlich seiner Herbstwochen-Premiere. Rund 350 Schausteller sind diesmal mit von der Partie – 40 mehr als im Vorjahr. Publikumsmagneten sind der Flying Circus auf dem Kuhmarkt, der Sky Trip an der Woldemei und die Wasserbahn am Stadthaus. Der Liebling vieler Älterer steht neben der Blutbuche an der Poststraße: das Clubschiff. Es erinnert an die einst beliebte Riesenschiffsschaukel Alte Liebe. Am Schlusstag lockt ein Zweikampf nicht in eine Boxbude, sondern auf den Lippebug. Dort treten Bürgermeister Christof Sommer und sein Vorgänger Wolfgang Schwade zum Kochduell an. Unter der Regie von Fernsehkoch Rainer Mitze bekommen die zwei die Aufgabe, in nur 15 Minuten einen Rinderbraten servierfertig zu machen – samt Zucchinisuppe als Vorspeise. Einen Sieger bringt das Duell indes nicht hervor.
Die 2006er-Kirmesattraktion steht am Kuhmarkt: 50 Meter katapultiert der „Freefall“ die Passagiere in die Höhe – um dann rasant in die Tiefe zu stürzen. Die Beschleunigung beträgt bis zum Vierfachen des Körpergewichts. Von den 280 Beschickern seien „80 Prozent zufrieden“, sagt Schausteller-Boss Walter Burghard. Als Marktmeister Bernd Ahlke beklagt, dass sich einige Karussellbetreiber nicht an die vereinbarten Öffnungszeiten halten, verspricht Burghard Besserung: „Wer erst um 15.30 Uhr öffnet oder schon um 22 Uhr schließt, den möchten wir im nächsten Jahr nicht in Lippstadt sehen.“ Stadtmarketing-Chefin Barbara Thüer freut es, dass sich die Zelte am Tivoli und am Lippertor als Partymeile bewährt haben. Für einen DJ kommt es dort leider knüppeldick: In der Nacht zum zweiten Sonntag wird ihm sein Alukoffer mit 500 CDs aus dem Tivolizelt geklaut.
Die Gäste aus Tirol stehen an der Marienkirche. Im Angebot sind Knoblauchspeck, Leukentaler Käse, Kaminwurzen, 2.000 Flaschen Alpenschnaps, Kirschlikör sowie ein Cuveebrand aus Äpfeln, Birnen, Marillen und Zwetschgen. Am Ende resümiert Carmen Harms von der KWL: „Unsere Gäste haben solche Maßstäbe gesetzt, dass es mir mit Blick auf zukünftige Veranstaltungen schon Sorgenfalten ins Gesicht treibt, denn das ist kaum noch zu toppen.“ Die Öffnungszeiten sind in diesem Jahr für Nachtschwärmer optimiert worden. An beiden Samstagen und am Freitag schließen Karussells, Buden und Zelte erst um ein Uhr nachts – und damit immerhin eine Stunde später als zuvor. Weil sie zu feste zugeschlagen haben, müssen 21 Herbstwochenbummler ins Krankenhaus eingeliefert werden, zum Teil gar mit Knochenbrüchen. Die Verletzungen resultierten indes nicht aus derben Schlägereien, sondern von einem Boxautomaten, an dem Halb-, Ganz- und Unstarke ihre Kraft testen können.
„Schön, dass wir im Ausland einen eigenen Platz bekommen“, freut sich Udens Bürgermeisterin Joke Kersten über die zum „Udener Platz“ umbenannte Marienkirchen-Absenkung. Bereits zum dritten Mal ist Lippstadts Partnerstadt zum Herbstwochen-Gast deklariert worden. Die Holländer kommen mit neun Kapellen, darunter die in Lippstadt wohlbekannten Klankentappers und Hannemanne. Und da auch die Liebe zu einer Partnerstadt durch den Magen geht, finden die im Hüttendorf angebotenen Lakritzdrops, Worstenbroodjes und Jenever-Schnäpse viele Abnehmer. Während die Schausteller in diesem Jahr über gute Umsätze frohlocken, sind die Geschäftsleute zerknirscht. Über die neun Tage gerechnet habe der Einzelhandel im Vergleich zum Vorjahr ein Minus gemacht. Gerd Ziems von der Werbegemeinschaft weiß auch warum: „Bei gutem Wetter geht’s der Kirmes besser und dem Handel schlechter – und umgekehrt.“
Dass die Herbstwoche winterkühl statt herbstmild startet, wirkt sich nicht nachteilig auf den Umsatz aus. Im Gegenteil: „Das erste 30-Liter-Fass Glühwein ist schon leer“, heißt es im Sylter Dorf bereits um kurz nach vier am Samstagnachmittag. Bei Ofenkartoffeln mit Krabben oder nordfriesischer Fischsuppe wärmen sich hier viele Besucher auf. Am zweiten Wochenende herrscht in Lippstadt dagegen spätsommerliches Radler-Wetter. Von einer steifen Brise ist keine Spur, nicht mal ein laues Lüftchen weht. Dass sich zwischen Strandkörben, Touristikständen und Inselgastronomie dennoch maritimes Flair und Schunkelstimmung breit macht, dafür sorgen die Shanty-Chöre aus Warendorf und Geseke. „Wir hatten eine tolle Herbstwoche. Ich habe selten so viele Menschen in der Stadt gesehen wie an den vergangenen neun Tagen. Die Werbung im Umland hat sich offensichtlich gelohnt“, kann sich Schaustellerchef Walter Burghard am Ende kaum bremsen.
„Love is in the Air“ erklingt zur Eröffnung im Stadttheater. Es geht jedoch nicht um knisternde Leidenschaft, sondern um lokale Eigenliebe: „Wir feiern uns selbst“, sagt Bürgermeister Christof Sommer, steht doch das Jubiläum „825 Jahre Lippstadt“ an. Höhepunkt ist der bislang größte Herbstwochen-Umzug: 40 Motivwagen, 100 Fußgruppen und 13 Kapellen schlängeln sich durch die Altstadt. 2.000 kleine und große Leute machen mit – manche als Regentropfen, andere als Waschmaschine oder Schlossgeist verkleidet. Hungrige unter den 15.000 Zuschauern haben die Chance auf eine warme Suppe, ist doch der Köche-Club mit einer rollenden Gulaschkanone unterwegs. An der Marienkirche präsentieren sich acht Ortsteile mit Selbstgemachtem. Einige haben Schnäpse im Angebot, den „Alten Bräuker“ (Walibo), „Zwitscherkästen“ (Herringhausen) oder den „Muckeburger Pflaumenaugust“, die „Burgtropfen“ und den „Lippeflitzer“ (Lipperode).

Das Motto rückt weder ein Jubiläum noch ein Urlaubsland in den Fokus, sondern KU, Cartoon, Golden Gate, Nanù und Strand: Die fünf ehemaligen Lippstädter Diskotheken waren in den 70ern, 80ern oder frühen 90ern nicht nur lokal angesagt – sie lockten auch jede Menge Nachtschwärmer aus der Ferne an. DJs von damals lassen die Kultläden und ihre Musik in einer weißen Zeltlounge an der Marienkirche aufleben. Ein Höhepunkt steigt nach dem Dienstagsfeuerwerk, als der von schwerer Krankheit genesene Nino de Angelo hier „Jenseits von Eden“ und andere Schlager singt. Die Höher-Schneller-Schwindliger-Fraktion pilgert zum Kuhmarkt, wo das Überschlag-Karussell „Jetforce“ die Passagiere in 23 Meter Höhe durch die Luft wirbelt. An der Tivoli-Losbude bedecken derweil Nieten in Gelb und Orange den Asphalt – sie zeugen vom Wunsch, einmal zwischen Plüsch-Nilpferd und Riesenhund wählen zu dürfen.
Militärkonzert, Seniorenrevue, Kegelturnier oder Briefmarken-Tauschtag: Die Herbstwoche hat viel Programm. Ihren Status als Großveranstaltung verdankt sie jedoch, spätestens seit den 1980er-Jahren, dem Kirmestreiben. Auch 2012 schlendern die Besucher in Scharen von Karussell zu Karussell und von Spiel- zu Snackbude. Das Motto „Wir sind die Show“ spielt aufs GOP-Varieté an, das die Herbstwoche mit zwei ausverkauften Shows im Stadttheater eröffnet. Der von Familie Grote aus Langeneicke geführte, deutschlandweit bekannte Unterhaltungsbetrieb ist an allen neun Tagen mit von der Partie – und zwar im Zelt an der Marienkirche. Der (vormals Musik-Express und Musik-Shop genannte) Star-Club feiert Geburtstag: Die überdachte Berg- und Talbahn beglückt die Lippstädter seit 40 Jahren. Nur wenige Fahrgeschäfte sind über Jahrzehnte hinweg so beliebt wie Familie Schneiders Klassiker. Schausteller-Familie Langenscheidt erhält am Rathausplatz geistlichen Beistand. Der aus Dortmund angereiste katholische Kirmespfarrer Sascha Ellinghaus segnet ihren brandneuen Mandel-Verkaufswagen.
Eine Woche dauert sieben, eine Herbstwoche aber neun Tage – und diesmal sogar zehn: Die Kirmes startet bereits freitags, weil der Verkehrsverein es zu seinem 100. Geburtstag krachen lässt. Um 17 Uhr startet die Jubiläumsaktion „100 Jahre – 100 Cent“. Heißt: Fast alle Karussellfahrten, Crepes und Würstchen gibt’s den ganzen Abend über für einen Euro.
Dank des überaus milden Wetters steigt eine kollektive „Warm und draußen“-Party. Vor der Domschänke legen schon um fünf vor neun die ersten ihren Arm um die Schulter der Nachbarin und schwingen die Hüften. Dazu tanzt der Lippstädter Bär nicht nur an den üblichen Stellen: Klein-Winterberg heißt der neue, unabhängig veranstaltete Treff in der Woldemei-Passage, wo sich sauerländische Mittelgebirgshütten-Gaudi mit Ballermann-Gegröle paart.


Keine zwei Stunden alt ist die Kirmes, da sind beim Autoscooter auf dem Kuhmarkt schon alle Wagen voll. Rundherum stehen Jugendliche genauso herausfordernd lässig herum, wie es dort schon ihre Väter und Großväter vorgemacht haben. Weil Donnerwetter mit Sturm droht, geht man kein Herbstwochenrisiko ein: Das Dienstagsfeuerwerk wird abgesagt. Also ein Jahr drauf warten? Nein, nur fünf Tage. Man verlegt das Leuchtspektakel auf den Schlusstag, sodass Lippstadts Abendhimmel doch noch in allen Farben funkelt. Da der Grüne Winkel voll wie selten ist, stellt sich die Frage, ob man die Ausnahme nicht zur Regel machen soll. Immer wieder sonntags also? Nein, meint Klaus Daccache vom Verkehrsverein: „Normalerweise ist der Dienstag ein schwacher Tag, daher ist es gut, wenn wir der Kirmes da mit dem Feuerwerk unter die Arme greifen können.“ Abgesehen vom dunklen Dienstag mutiert die Herbstwoche wie in den Vorjahren zum Nachsommerspaß.
Und so viel Party war noch nie.
2015 gilt als „Flüchtlingsjahr“. Knapp 1,1 Millionen Menschen kommen aus Ländern wie Syrien nach Deutschland. 90 von ihnen werden in einer Notunterkunft am Lippstädter Behördenhaus untergebracht. Sie können sich über eine kostenlose „Welcome-Tour“ über den Rummel freuen, die Verkehrsvereinschef Klaus Daccache mit Hilfe des Lions Clubs sowie von Schaustellern und heimischen Unternehmen ermöglicht hat. Für viele Herbstwochenbesucher galt eine Einkehr im Gasthof Landgräber über Jahrzehnte als unverzichtbar. Die Gäste standen bis 2014 Abend für Abend in acht Reihen vor Auwin und Elvira Landgräbers Theke. Schon zu Zeiten von Auwins gestrenger Mutter Mathilde war dabei ein einzigartiges Schauspiel zu beobachten: das Münzmarken-System, mit dem die Bedienungen ihre Bestellungen hinterm Tresen abrechneten. Doch damit ist nun Schluss, Auwin und Elvira überlassen die Theke ihren Nachfolgern. Die Familie Strunz übernimmt den Gasthof zwar offiziell erst im Januar 2016, stellt sich den Lippstädtern aber in der Herbstwoche schon einmal vor.


Sie erreicht bereits am Eröffnungsabend Kultstatus: die „Astra-Bar“ an der Geiststraße. Schuld ist der Kegelclub Pumpenpöhler, der damit in der leerstehenden „Gaststätte am Stadthaus“ eine Herbstwochen-Pop-up-Kneipe mit Hafenflair betreibt. Die erste Rummel-Nacht ist noch im Gange, da bricht um 1.09 Uhr im Internet schon das Tauschfieber aus. Bei „eBay Kleinanzeigen“ wird nach Losen gesucht, die in der richtigen Reihenfolge zum Lotteriebuden-Hauptgewinn schräg gegenüber vom Tivoli verhelfen.
Einige Schausteller heben mahnend den Finger. „Randaliert wird auf der Herbstwoche immer extremer“, sagt einer. Reibekuchenbäcker Mario Lemoine sieht es ähnlich. Er hat den ersten Herbstwochensamstag zum „Abschusstag“ ernannt. „Viele schießen sich mittlerweile dermaßen ab, dass sie kaum noch laufen können.“
Manchem Besucher ist in diesem Jahr etwas mulmig zumute. Grund ist der zehn Monate zurückliegende Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Theoretisch sei es möglich, vom Lippertor ungebremst bis zum Rathausplatz zu rasen, fürchtet ein Leserbriefschreiber. Tatsächlich habe man dieses Szenario bei der Erstellung des Sicherheitskonzepts bedacht, erklärt Stadt-Sprecherin Julia Scharte dazu. Doch eine hundertprozentige Sicherheit lasse sich bei einer Innenstadtkirmes leider nicht herstellen.
Glücklicherweise wird es eine vergleichsweise friedliche Herbstwoche, besonders wenn die „Klankentappers“ aus der Partnerstadt Uden die Herbstwochenbesucher mit viel Körpereinsatz unterhalten. Ob vor Caféterrassen, an Kreuzungen oder abends in einem Zelt: Wo die Holländer musizieren, ist Party – und Platz für ein Tänzchen ist überall.


Weil das Stadttheater renoviert wird, gibt es diesmal kein Eröffnungskonzert. Zu den Kirmesattraktionen gehören „Extrem“, „The Beast“, „Viva Cuba“ und „Crazy Mouse“. Die Leute kommen wieder in Strömen, selbst der Regen am Dienstag hält nur wenige davon ab, sich das Feuerwerk anzuschauen. Als fixer Termin hat sich innerhalb weniger Jahre das Schaustellerfrühstück etabliert. Die Kirmesleute genießen es, in großer Runde im Alten Brauhaus zusammenzusitzen. Hinzu kommen Gäste aus Politik, Verwaltung und Handel, die hier ganz Ohr sind, hat die weitgereiste Zunft doch eine Menge zu erzählen.
Bereits seit 1963 treffen sich Kommunalpolitiker, Ortsvorsteher und Verwaltungsspitzen dienstagabends zum Ratsbummel, auf dem der politische Streit traditionell pausiert. Noch länger als den Ratsbummel gibt es den Briefmarkentauschtag, der zum 62. Mal in den Rathaussaal lockt.
Zum 40. Mal hier: Das Kentucky Derby steht bereits seit 1980 an der Marienkirche. Die Jubiläumsfreude ist allerdings getrübt. Waldo Parpalioni, der stets freundliche Moderator des beliebten Pferderennens, ist nicht mehr dabei. „Mein Vater war Schausteller mit Herzblut“, sagt seine Tochter Miriam. Der „Herr der Rennpferde“ konnte kein Kind traurig sehen, ein jedes bekam von ihm wenigstens einen Trostpreis. So hat ihr verstorbener Vater auch immer die Kirmesführung für benachteiligte Mädchen und Jungen begleitet – er wollte, dass die Herbstwoche ein Fest für alle bleibt.
Dienstagabend verzieren rote, blaue und goldene Leuchtschweife den dunklen Lippstädter Himmel. Während hoch oben die Feuerwerksraketen explodieren, müssen unten die Malteser ausrücken. Obwohl der Sommer längst vorbei ist, sind eine Handvoll Schaulustiger von Wespen gestochen worden. Bei den Einzelhändlern haben die Kassen indes weniger geklingelt als gewohnt: Infolge neuer Bestimmungen durften sie nur noch am ersten Festsonntag öffnen.


Das coronabedingte Verbot von Großveranstaltungen trifft auch die Herbstwoche. Immerhin bekommen die Lippstädter ein Trostpflaster namens „Lippstädter Herbstvergnügen“, und zwar in Form einer eingezäunten Kirmes, die sich vom Rathaus- bis auf den Marktplatz erstreckt. Das Riesenrad ist ebenso vertreten wie die Fliegenden Frösche. Ordner kontrollieren den Zugang zum Rummelplatz. Wer ihn betreten möchte, muss seine Kontaktdaten angeben und ein paar Fragen beantworten. Auf dem Gelände gilt ein Mindestabstand von 1,50 Meter. Wo dieser nicht eingehalten werden kann, herrscht Maskenpflicht. Fast alle Besucher verhalten sich vorbildlich. Die Kirmesleute haben deprimierende Monate hinter sich, durften sie doch seit März nicht mehr arbeiten. Nun sind sie hellauf überrascht angesichts von täglich rund 500 Besuchern, die sich rund um die Marienkirche ein paar schöne Stunden machen.
Es gibt wieder eine richtige Herbstwoche. Den Kirmesbesuchern steht die Dankbarkeit ins Gesicht geschrieben. Auch das Rahmenprogramm läuft fast wieder im alten Umfang, und so heißt es im fertig renovierten Stadttheater „On Fire! Tarantino in Concert!“ mit den Bergischen Symphonikern. In Höhe Tivoli findet wieder das traditionelle Boatercross statt, bei dem Kanuten eine vier Meter lange Rampe hinunter ins Wasser rutschen können. Weil die Pandemie aber noch nicht vorbei ist, gilt auf der Herbstwoche die 3G-Nachweispflicht (geimpft oder genesen oder getestet). Ordner führen an den neun Tagen stichprobenartige Kontrollen auf den Rummelplätzen durch.
Damit sich auch Partylöwen nicht anstecken, gibt es auf dieser Herbstwoche keine Zelte – gefeiert wird Open Air.


Ein Anblick wie aus längst vergangenen Tagen: Am Sonntagnachmittag schieben sich die Menschen regelrecht durch die Fußgängerzone. Der Hochbetrieb geht allerdings nicht überall mit hohen Umsätzen einher. Für Ingo Arndt von der Werbegemeinschaft ist jedoch alles im grünen Bereich: „Viele Besucher gucken erst nur und kaufen dann später.“ Der verkaufsoffene Sonntag sei für den Handel „wie ein großes Schaufenster“.
Beim Festakt im Stadttheater bringt Bürgermeister Arne Moritz den Wunsch nach Frieden in der Ukraine vor, bevor der Chinesische Nationalcircus eine Botschaft gegen Hass und Gewalt in Szene setzt. Donnerstagmorgen wird auf dem Musik-Express Taufe gefeiert. Der für ganz Deutschland zuständige katholische Schaustellerpfarrer Sascha Ellinghaus ist eigens nach Lippstadt gekommen, um der kleinen Sophie den himmlischen Segen zu geben. Die beglückten Eltern Ellena Schneider und Mario Weber feiern im Kreise von vier Familiengenerationen.
Zwanzig Mal war der Rüthener Sven Buckenthien für das Feuerwerk im Grünen Winkel verantwortlich. Nun übernimmt René Osterhage aus Herten. Den Auftakt machen Kanuten des WSC Lippstadt, die mit lampiongeschmückten Booten stimmungsvoll über den Fluss gleiten, wie schon zu Großvaters Zeiten. Dann setzt die Feuerwehr aus Harsewinkel ihre Wasserorgel in Gang – und farbenprächtige Fontänen schießen empor. Bestürzung löst zu Anfang der Herbstwoche die Nachricht eines tödlichen Unfalls auf dem Pollhans-Jahrmarkt in Schloss Holte aus. Die Lippstädter Schausteller betonen, dass Sicherheit für sie höchste Priorität habe. Um nicht in schwindelerregende Höhen klettern zu müssen, werden die Fahrgeschäfte vom Boden aus montiert und schließlich maschinell hochgezogen. Und während der Kirmes werden sämtliche Gondeln und Bügel allmorgendlich auf Sicherheitsmängel untersucht, erklärt Star-Club-Betreiber Patrick Schneider.
Die Bilanz dieses Jahres ist insgesamt zufriedenstellend, wie Schaustellersprecher Walter Burghard resümiert.


Während Stefanie Heinzmann am Auftaktabend im ausverkauften Stadttheater singt, herrscht an den Engstellen der City kaum ein Durchkommen. Bis zum Ende bleibt es eine überaus gut besuchte Herbstwoche. Neben Karussells, Snack- und Bierständen locken jede Menge Spielbuden auf die Kirmes. Auffällig ist die große Zahl an Greifautomaten, die gefühlt an jeder zweiten Ecke stehen. Und egal, ob am Kuhmarkt oder am Stadthaus: Der begehrteste aller Gewinne ist und bleibt der gute alte Riesenteddy.
Freitagmittag steht auf dem Rathausplatz „Wheeldating“ auf dem Programm. Heißt: Im Riesenrad bietet sich heimischen Firmen und potenziellen Auszubildenden die Gelegenheit zum Kennenlernen. Vertreter von 25 Betrieben kommen in den Gondeln mit Dutzenden Schülerinnen und Schülern ins Gespräch. Am Ende bekommt jeder Jugendliche ein Lebkuchenherz mit QR-Code – für noch mehr Infos rund ums Handwerk.
Auf dem Rummel gibt es wieder für jedes Nervenkostüm etwas Passendes. Schon ihre Namen verheißen einen Adrenalinkick: Karussells wie Rocket, Air Race oder Sound Wave stehen für maximale Drehzahl, rasante Höhen und wirbelnde Action. Sanfteren Nervenkitzel versprechen Klassiker wie der Musik-Express und die Achterbahn. Ein Sturmtief wirbelt den Kirmesbetrieb durcheinander. Hohe Fahrgeschäfte wie die Überschlagschaukel Extrem legen lange Zwangspausen ein. Das Azubi-Wheeldating muss vom Riesenrad in den Musik-Express verlegt werden.
Eine Diskussion entspannt sich um das beliebte Ponyreiten an der Marienkirche. Gehört es eingestellt, wie eine Tierschutzgruppe aus Anröchte fordert, oder wird das Wohl der Tiere angemessen berücksichtigt? Die KWL reagiert mit diplomatischem Geschick und stellt eine Neubewertung in Aussicht.
Kaum ist die Kirmes vorbei, herrscht schon wieder Vorfreude, liegen doch zwischen Herbstwochen-Abbau und Weihnachtsmarkt-Aufbau gerade mal drei Wochen.

Das große Jubiläum steht an: Die Herbstwoche wird hundert! Viele Aktionen und besondere Angebote sind geplant, darunter ein zusätzlicher Tag und nach langer Zeit wieder ein großer Herbstwochenumzug. Es gibt Herbstwochen-Pins, einen Herbstwochenwein und Herbstwochenbier. In Vorbereitung ist eine Ausstellung. Auch ein Buch erscheint aus Anlass des Jubiläums. Die Vorfreude ist schon groß. Man darf gespannt sein, wie sich der neue Bürgermeister Alexander Tschense bei seinem ersten Fassanstich schlägt.
KWL-Eventmanager Christoph Hermes: „Das Jubiläum soll ein farbenfrohes, fröhliches und friedliches Fest werden – für Lippstadt, für die Herbstwoche und für uns alle!“